Essay: Titel Vier26. Baum als 3D-Druck aus der Natur.
Über Bauen, Technik und das verlorene Maß
Der Baum steht im Raum, scheinbar verwurzelt im Boden, und doch entsteht seine Masse nicht aus der Erde, sondern aus der Luft, aus Licht und aus einem Prozess, der sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entzieht und gerade deshalb so selbstverständlich wirkt, dass wir ihn kaum noch hinterfragen.
Was wir sehen, ist Form – Stamm, Äste, Blätter –, doch was wir nicht sehen, ist das eigentliche Prinzip: die Umwandlung von Atmosphäre in Struktur, von Unsichtbarem in Materie, von Energie in Gestalt, ein Prozess, der ohne Steuerung auskommt und dennoch eine Präzision hervorbringt, die vielen technischen Systemen fehlt.
Der Baum wächst dabei nicht additiv, sondern durch Verwandlung, in einem fortlaufenden Prozess der Metamorphose, in dem jedes Teil aus dem anderen hervorgeht und das Ganze seine innere Verbindung nicht verliert.
In diesem Sinne ist der Baum ein 3D-Druck aus der Natur, nicht im technischen Verständnis von Schicht für Schicht, sondern als kontinuierliche Formbildung aus Bedingungen, die sich zu einem stimmigen Ganzen fügen, ohne dass ein übergeordnetes System eingreifen muss.
Der Weltenbaum Yggdrasil war nie nur ein Bild, sondern ein Versuch, diese Zusammenhänge zu fassen, ein Geflecht aus Wurzeln, Stamm und Krone, das nicht getrennt gedacht werden kann, weil jede Ebene auf die andere verweist und nur im Zusammenhang Bestand hat.
Überträgt man diesen Gedanken auf das Bauen, dann zeigt sich schnell, dass wir heute häufig anders vorgehen, indem wir Systeme entwickeln, die voneinander getrennt geplant, umgesetzt und betrieben werden, sodass das Gebäude selbst immer mehr zur Hülle wird, während die eigentliche Funktion von Technik übernommen wird, die ohne permanente Energiezufuhr nicht lebensfähig ist.
Während der Baum sich verwandelt, fügen wir hinzu.
Während er aus sich heraus wächst, erweitern wir durch Systeme.
Und genau in diesem Unterschied liegt mehr als nur eine technische Differenz, denn er beschreibt zwei grundlegend verschiedene Arten, Struktur entstehen zu lassen.
Es werden Bäume gefällt, und zwar nicht zufällig oder unbeabsichtigt, sondern ganz bewusst, um Raum zu schaffen für technische Systeme, die wir errichten, weil wir Energie gewinnen wollen und gleichzeitig überzeugt sind, damit einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, obwohl wir dabei gewachsene Strukturen entfernen, um neue Abhängigkeiten zu schaffen.
Und genau in dieser Gleichzeitigkeit liegt eine Spannung, die sich nicht einfach auflösen lässt, denn während wir von einer besseren Zukunft sprechen, greifen wir in bestehende Systeme ein und ersetzen sie durch solche, die ihrerseits nur durch Energiezufuhr stabil bleiben und damit eine neue Form von Abhängigkeit erzeugen.
Wir bauen Gebäude, die ohne kontinuierliche Versorgung nicht mehr funktionieren, und nennen sie effizient, obwohl ihre Effizienz häufig erst durch zusätzliche Technik entsteht, die geplant, installiert, gewartet und gesteuert werden muss, wodurch sich das Gebäude von einer eigenständigen Struktur zu einer betriebenen Maschine entwickelt.
Gleichzeitig sprechen wir von Smart Home und Smart City, als wäre die Fähigkeit zur Steuerung bereits ein Hinweis auf Qualität, obwohl sie zunächst nichts anderes beschreibt als die zunehmende Komplexität eines Systems, das ohne Energie, Daten und permanente Regelung seine Funktion verliert.
Smart ist kein Hinweis auf Effizienz, und es garantiert auch nicht, dass ein Gebäude grün ist, sondern beschreibt lediglich die Möglichkeit der Einflussnahme, während die eigentliche Qualität eines Gebäudes weiterhin in seiner Struktur, seiner Materialität und seinem Verhältnis zur Umgebung liegt.
Die Wärmepumpe steht exemplarisch für diese Entwicklung, denn sie ist zweifellos eine sinnvolle Technik, die unter den richtigen Bedingungen effizient arbeiten kann, doch problematisch wird es dort, wo aus einer möglichen Lösung eine bevorzugte oder faktisch vorgegebene Richtung wird, wodurch sich der Raum für andere Ansätze verengt und die Planung an Vielfalt verliert.
Wenn Technik vom Werkzeug zur Vorgabe wird, verschiebt sich der Maßstab, und das Bauen entfernt sich von der Frage, was im jeweiligen Kontext sinnvoll ist, hin zu der Frage, welche Systeme eingesetzt werden sollen, unabhängig davon, ob sie im konkreten Fall die beste Lösung darstellen.
Vielleicht liegt ein Teil des Problems nicht in der Technik selbst, sondern in dem System, das sie hervorbringt, denn Bauen ist längst nicht mehr nur Antwort auf Bedarf, sondern Teil einer Struktur geworden, die sich selbst erhält, wodurch mitunter der Eindruck entsteht, dass nicht alles gebaut wird, weil es notwendig ist, sondern weil das System des Bauens weiterlaufen muss.
Und genau hier wird ein einfaches Bild plötzlich erstaunlich klar: das Baumhaus.
Es ist unscheinbar und beinahe selbstverständlich, und doch zeigt es ein Prinzip, das im heutigen Bauen kaum noch eine Rolle spielt, denn das Baumhaus entsteht nicht durch das Entfernen des Bestehenden, sondern durch das Anknüpfen an eine vorhandene Struktur, es nutzt den Baum, anstatt ihn zu ersetzen, es arbeitet mit dem System, statt gegen es zu bauen.
Es ist kein additiver Eingriff, sondern eine Annäherung an ein bestehendes Gefüge.
Vielleicht hilft es, noch einen Schritt weiterzugehen und ein Beispiel zu betrachten, das auf den ersten Blick weit entfernt scheint und doch von einer ähnlichen Spannung erzählt: das Schloss Neuschwanstein.
König Ludwig II. wird oft als verrückt beschrieben, doch vielleicht war er weniger „irre“ im abwertenden Sinn, als vielmehr jemand, der sich nicht an die engen Grenzen des Funktionalen gebunden fühlte, sondern den Mut hatte, eine innere Vorstellung in eine gebaute Realität zu überführen.
In seiner Architektur zeigt sich eine Form der Verwandlung, die nicht aus technischer Notwendigkeit entsteht, sondern aus Vorstellungskraft, aus einem inneren Bild, das nach außen tritt und Gestalt annimmt.
Was als „verrückt“ erscheint, könnte in Wahrheit der Versuch sein, das Bauen wieder mit Imagination zu verbinden, mit einem Raum, der über das rein Funktionale hinausgeht.
Friedensreich Hundertwasser hätte in dieser Entwicklung vermutlich einen Verlust des Lebendigen gesehen, weil für ihn das Gebäude kein technisches Objekt war, sondern ein Organismus, der sich mit seiner Umgebung verbindet, während Antoni Gaudí gezeigt hat, dass sich Struktur aus der Natur ableiten lässt und dass ein Gebäude, das richtig gedacht ist, weniger Technik benötigt, weil seine Form bereits Teil der Lösung ist.
Und Martin Heidegger hat darauf hingewiesen, dass Bauen mehr ist als das Errichten von Funktion, dass es im Kern um das Wohnen geht, um das Verhältnis des Menschen zum Raum, und dass dieses Verhältnis verloren geht, wenn alles nur noch unter dem Gesichtspunkt der technischen Machbarkeit betrachtet wird.
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied, denn während der Baum ohne Steuerung funktioniert, weil er sich in einem fortlaufenden Prozess der Verwandlung stabilisiert, entwickeln wir Systeme, die nur durch permanente Steuerung im Gleichgewicht gehalten werden können.
Ich habe in den letzten Jahren viel eingesteckt – Kritik, Unverständnis und die Erfahrung, dass ein anderer Blick auf das Bauen nicht immer sofort angenommen wird.
Und doch bleibt der Eindruck, dass das Bauen an sich eine wunderbare Branche ist, ein Feld voller Möglichkeiten, das nicht verloren gegangen ist, sondern an manchen Stellen überlagert wurde durch Komplexität, durch Vorgaben und vielleicht auch durch die Angst, dass es ohne diese Systeme nicht mehr weitergeht.
Vielleicht liegt in all dem nicht nur eine Kritik, sondern auch eine Möglichkeit, den eigenen Beruf anders zu betrachten, nicht als reines Ausführen von Aufgaben, sondern als ein Feld, in dem sich Fragen stellen lassen, die über das Technische hinausgehen.
Denn Bauen ist mehr als das Lösen von Problemen, es ist auch ein Prozess des Verstehens, ein Annähern an Zusammenhänge, die sich nicht vollständig berechnen lassen, sondern nur im Tun erschließen.
In diesem Sinne kann der Beruf selbst zu einem Forschungsfeld werden, nicht im wissenschaftlichen Sinn allein, sondern als ein persönlicher Weg, auf dem Erfahrungen, Beobachtungen und Entscheidungen miteinander in Beziehung treten.
Vielleicht liegt in all dem auch eine leise Melancholie, die sich nicht sofort zeigt, sondern eher wie ein Nachklang wirkt, ein Gefühl, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Und vielleicht ist genau diese Spannung Teil einer größeren Dualität, die sich nicht auflösen lässt, sondern die immer schon da war: zwischen Natur und Technik, zwischen Verwandlung und Konstruktion.
Die Fotografie kennt diese Dualität.
Sie hält fest und löst zugleich auf.
Sie zeigt und verbirgt.
Und vielleicht liegt genau darin eine Einladung:
nicht nur zu bauen,
sondern zu sehen.
Hinweis: Dieser Text ist kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Er ist eine Einladung zum Nachdenken – über Technik, Gebäude und Maß.
José Carlos Vicente Plaza
Cavicon GmbH