Die DNA des Bauens. Zwischen Herkunft und Zukunft. Und die Folgen des Bratwurst-Effekts

Die DNA des Bauens. Zwischen Herkunft und Zukunft. Und die Folgen des Bratwurst-Effekts

Was bleibt vom Bauen, wenn man alle Normen, Methoden und technischen Systeme beiseitelässt. In dieser gedanklichen Reduktion zeigt sich, dass jedes Bauwerk Teil eines größeren Zusammenhangs ist und nicht allein aus Planung entsteht, sondern aus einem Verhältnis zwischen Mensch, Raum und Zeit.

Bauen ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der sich im Laufe der Zeit entwickelt, verändert und immer wieder neu bewertet wird.

Der Titel dieses Essays ist nicht zufällig gewählt.

Der sogenannte Bratwurst-Effekt beschreibt eine Verschiebung von Werten, bei der Entscheidungen nicht mehr aus dem entstehen, was gewachsen ist oder sich bewährt hat, sondern aus Momenten, Stimmungen oder kurzfristigen Impulsen, sodass der Eindruck von Handlungsfähigkeit entsteht, ohne dass eine tragfähige Grundlage vorhanden ist.

In Krisenzeiten wird diese Dynamik besonders sichtbar, da Angst zu einem bestimmenden Faktor wird und Entscheidungen sich weniger an langfristiger Tragfähigkeit orientieren als an unmittelbarer Entlastung, wodurch sich der Fokus verschiebt.

Diese Entwicklung ist strukturell.

Im Wohnungsbau wird sie konkret, denn über Jahre hinweg wurden rund 400000 Wohnungen pro Jahr als Zielgröße formuliert, während die tatsächliche Umsetzung im Jahr 2020 nur wenige Prozentpunkte darunter lag und damit eine stabile Ausgangssituation gegeben war.

Statt diese Basis weiterzuentwickeln, wurden die Rahmenbedingungen verändert, während gleichzeitig genau dieses Ziel erneut ausgerufen wurde, sodass eine strukturelle Spannung entsteht, die sich nicht durch Planung auflösen lässt.

Die Wirkung bleibt nicht verborgen, auch wenn sie selten offen benannt wird, denn der Anspruch besteht fort, während die Voraussetzungen, unter denen er erfüllt werden soll, zunehmend schwächer werden, sodass Ziel und Wirklichkeit nebeneinander stehen, ohne noch in einem tragfähigen Verhältnis zueinander zu stehen.

Es lässt sich eindeutig formulieren.

Der Wohnungsbau soll funktionieren, während man ihm gleichzeitig die Grundlage entzieht.

An dieser Stelle wird ein Muster sichtbar, das der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz als narzisstische Gesellschaft beschreibt, in der das äußere Bild stabil gehalten wird, während die innere Tragfähigkeit zunehmend verloren geht.

Überträgt man diesen Gedanken auf die Baubranche, entsteht ein klares Bild, in dem Planungssicherheit gefordert wird, während gleichzeitig ein Teil der eigenen Verantwortung abgegeben wird, indem man sich stark an äußeren Rahmenbedingungen orientiert, ohne diese konsequent zu hinterfragen, wodurch ein Widerspruch entsteht, der nicht aufgelöst wird, sondern bestehen bleibt.

Die Branche will gestalten, verhält sich jedoch häufig reaktiv, wodurch sich ein Spannungszustand ergibt, der weniger aus fachlichen Grenzen entsteht als aus einer Verschiebung der zugrunde liegenden Werte.

Hier zeigt sich der Zugang zur DNA des Bauens, die nicht im Detail liegt, sondern in der Struktur und sich in der Art zeigt, wie Entscheidungen getroffen werden und wie viel Spannung ein Zusammenhang tragen kann.

Martin Heidegger macht deutlich, dass Bauen im übertragenen Sinne kein rein technischer Vorgang ist, sondern immer mit Wohnen und dem Verhältnis des Menschen zum Raum verbunden bleibt, wobei Technik eine Funktion erfüllt, jedoch nicht den Ursprung des Bauens darstellt.

Ein Gebäude ist nicht nur ein Objekt, sondern ein Ort, der Beziehung ermöglicht oder verhindert, wodurch sich die Perspektive verschiebt und die rein technische Betrachtung nicht mehr ausreicht.

In diesem Zusammenhang wird häufig auf das Bauhaus verwiesen, dessen Haltung für Reduktion und Klarheit steht, während die gebaute Realität sich zunehmend davon entfernt, da technische Anforderungen wachsen und mit ihnen die Komplexität der Systeme.

Ich betrachte das Bauen nicht aus dem Entwurf heraus, sondern aus dem, was bereits steht, denn genau dort zeigt sich, ob ein Gedanke trägt und ob er im Raum Bestand hat.

Der Bestand macht sichtbar, was Planung allein nicht leisten kann, da Bauwerke gewachsen, verändert und korrigiert worden sind, sodass der Fehler nicht als Mangel erscheint, sondern als Teil eines fortlaufenden Prozesses verstanden werden kann.

Ein Bauwerk wie das Ulmer Münster ist kein Produkt einer linearen Planung, sondern Ausdruck einer langen Entwicklung, die von unterschiedlichen Händen getragen wurde, während sich vergleichbare Strukturen auch bei der Sagrada Familia und dem Kölner Dom zeigen.

Diese Bauwerke stehen nicht für Perfektion, sondern für Dauer, wodurch sich der Blick auf technischen Fortschritt relativiert und sich die Frage stellt, worin Qualität tatsächlich besteht.

Die Vergangenheit bleibt wirksam und stellt Fragen an jede neue Entscheidung, wodurch der Zugang zum Bauen im Bestand entsteht, der nicht als Rückblick zu verstehen ist, sondern als aktive Auseinandersetzung mit dem, was bereits vorhanden ist.

Die Bestandserfassung ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine technische Aufnahme, sondern ein Versuch, das Gewachsene zu verstehen und daraus tragfähige Entscheidungen für die Gegenwart abzuleiten.

Dem gegenüber steht eine Zukunft, die stark von Technik geprägt ist, wodurch Zusammenhänge komplexer, präziser und allgegenwärtiger werden, während sich gleichzeitig der Fokus verschiebt und die Frage nach dem Raum zunehmend zugunsten der Funktion von Systemen in den Hintergrund tritt.

Der Begriff des Transhumanismus gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung, da der Mensch nicht mehr nur als Gestalter seiner Umwelt verstanden wird, sondern als Teil eines Systems, das ihn erweitert und strukturiert, wodurch sich die grundlegende Frage stellt, ob Technik weiterhin Werkzeug bleibt oder zunehmend zum bestimmenden Rahmen wird.

In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass diese Entwicklung nicht nur theoretisch bleibt, sondern bereits im gebauten Raum wirksam wird, da Konzepte wie die Stadt der kurzen Wege Effizienz und Nähe versprechen, gleichzeitig jedoch Strukturen schaffen, die nicht nur Wege verkürzen, sondern auch Handlungsspielräume definieren und damit indirekt beeinflussen, wie sich Leben im Raum organisiert.

Die Frage ist nicht, ob diese Entwicklung sinnvoll ist, sondern was sie mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Raum macht.

Ich habe mich mit diesem Gedanken bereits intensiver auseinandergesetzt.

→ Stadt der kurzen Wege – und die Frage nach der Freiheit
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Dort wird sichtbar, dass Nähe nicht automatisch Freiheit bedeutet, sondern ebenso eine Form der Bindung darstellen kann, wenn sie nicht aus dem Raum selbst entsteht, sondern aus einem System heraus definiert wird, wodurch sich eine Parallele zum Transhumanismus ergibt, in dem nicht alles, was möglich ist, den Menschen erweitert, sondern ihn auch begrenzen kann, ohne dass dies unmittelbar als Begrenzung erkannt wird.

Der Ursprung der Freimaurer zeigt, dass Bauen immer auch eine Frage der Haltung war, bei der der Stein nicht nur Material ist, sondern für das Unfertige und den Prozess steht.

Die Freimaurerei der Neuzeit lässt sich aus meiner Sicht nicht ohne Weiteres mit ihrem Ursprung gleichsetzen, da sich, wie bei der Sprache, auch kulturelle Formen im Laufe der Zeit verändern, wobei diese Veränderungen nicht zwangsläufig zu einer Vertiefung führen, sondern ebenso eine schleichende Entfernung vom ursprünglichen Kern bewirken können.

Hier entsteht eine Verbindung zu Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, bei denen Werte und Freiheit nicht als Gegensätze erscheinen, sondern als Spannungsfeld, in dem Qualität entsteht.

Goethe war unter anderem Freimaurer und setzte sich mit einer Vielzahl von Themen auseinander, von Naturwissenschaft über Farbenlehre bis hin zu Fragen der Wahrnehmung, wodurch sich ein Denken zeigt, das nicht in einzelnen Disziplinen verharrt, sondern Zusammenhänge sucht.

In seiner Auseinandersetzung mit dem Licht stellte er der damaligen Sichtweise von Isaac Newton eine eigene Perspektive gegenüber und erweiterte sie, indem er das Phänomen nicht nur physikalisch, sondern auch im Zusammenhang mit Wahrnehmung und Erfahrung betrachtete, wodurch sich ein erweitertes Verständnis ergibt, das sich auf das Bauen übertragen lässt.

Aus dieser Haltung ergibt sich im Bauen ein Verständnis, bei dem es nicht allein um Funktion oder Form geht, sondern um das Zusammenspiel von Idee, Erfahrung und Wirklichkeit, wodurch ein Spannungsfeld entsteht, in dem zu viel Ordnung zu Starrheit und zu viel Freiheit zu Beliebigkeit führt.

Dazwischen liegt ein Raum, der gestaltet werden muss und sich nicht durch reine Systemlogik erschließen lässt.

Bauen gleicht in diesem Sinne einer Wolke, die sich ständig verändert und nie endgültig festgelegt werden kann, wodurch sich die Frage stellt, wer festlegt, was als realistisch gilt und auf welchen Werten diese Einschätzung basiert.

Im technischen Denken entstehen klare Grenzen, die Sicherheit geben, jedoch keine Wahrheit darstellen, sondern Setzungen sind, die auf bestimmten Annahmen beruhen, während hinter diesen Setzungen häufig etwas steht, das selten benannt wird.

Angst.

Die Angst vor Fehlern, vor Verantwortung und vor dem, was sich nicht vollständig kontrollieren lässt, führt dazu, dass Möglichkeiten eingeschränkt werden, bevor sie überhaupt gedacht werden, wodurch sich Werte hin zur Absicherung und weg vom Erkunden verschieben.

Gleichzeitig verändert sich der Umgang mit Fehlern, da diese nicht mehr als Teil des Prozesses verstanden werden, sondern als moralische Kategorie behandelt werden, wodurch sie bewertet, vermieden und genutzt werden, um abzugrenzen, anstatt als Erkenntnisquelle zu dienen.

Das ist keine Qualitätssicherung, sondern eine Verschiebung im Denken.

Der Fehler liegt nicht im Luftschloss, sondern in den Werten, die wir anlegen, wodurch sich zeigt, dass ein Gebäude nicht durch Perfektion stimmig wird, sondern durch Beziehung.

Ein Gebäude wird dem Menschen und der Natur nicht gerecht, weil es technisch perfekt ist, sondern weil es Raum lässt und Unvollkommenheit zulässt, wodurch etwas entsteht, das sich nicht vollständig technisch erklären lässt.

Sehnsucht ist etwas Ernstes und verlangt mehr, als nur gedacht zu werden, weshalb sie in vielen Fällen nicht gelebt wird.

Der Gedanke des Wabi-Sabi beschreibt eine ähnliche Haltung, bei der Schönheit nicht aus Perfektion entsteht, sondern aus Einfachheit, Vergänglichkeit und dem Sichtbarwerden des Unvollständigen, wodurch sich auch der sogenannte Used-Look erklären lässt, der oft an der Oberfläche bleibt und dennoch eine Wirkung entfaltet, die darauf hinweist, dass etwas erkannt wird.

Der Fehler ist kein Defizit, sondern ein wertvolles Gut, weil er das Gefüge in Bewegung hält und Entwicklung ermöglicht.

Bauen bleibt menschlich, wenn es diese Bewegung zulässt.

Nicht in der Perfektion der Systeme liegt seine Zukunft, sondern in der Fähigkeit, Beziehung zu halten.

Zwischen dem, was war, und dem, was werden kann.

 

Hinweis: Dieser Text ist kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Er ist eine Einladung zum Nachdenken – über Technik, Gebäude und Maß.

José Carlos Vicente Plaza
Cavicon GmbH

 
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Bauen zwischen Mythos, Modell und Wirklichkeit

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Dieses Mal war ich das Modell