Bauen zwischen Mythos, Modell und Wirklichkeit
Was zeichnet das Bauen der heutigen Zeit aus?
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, was das Bauen der heutigen Zeit eigentlich auszeichnet, denn je mehr ich darüber nachdenke, desto stärker entsteht in mir das Gefühl, dass sich nicht nur Technik und Materialien verändert haben, sondern das gesamte Verhältnis des Menschen zu Raum, Zeit und Wirklichkeit.
Ich weiß nicht, ob andere Menschen das ähnlich empfinden.
Mich beschäftigt dabei besonders, dass Europa über lange Zeit hinweg kein Kontinent der Nationen war, sondern ein Raum aus Blutlinien, Häusern, Reichen und geistigen Ordnungen, die Regionen über Jahrhunderte miteinander verbanden, sodass ein König aus Österreich stammen und Spanien regieren konnte, während Dynastien nicht national dachten, sondern in völlig anderen Räumen und Zusammenhängen lebten.
Daraus entsteht für mich immer stärker das Gefühl, dass Europa ursprünglich weniger ein staatliches Konstrukt war als vielmehr eine Art kultureller Organismus, dessen innerer Zusammenhang sich nicht allein über Grenzen, Verwaltung und Politik erklären lässt.
In diesem Zusammenhang beschäftigt mich auch das Bild der Europa Regina.
Die Darstellung entstand im 16. Jahrhundert und gehört zu den bekanntesten allegorischen Europakarten der Renaissance. Ihr Ursprung liegt vermutlich in der Fassung des Tiroler Humanisten Johannes Putsch aus dem Jahr 1534, deren ältestes erhaltenes Exemplar erst 2019 im Museum Retz wiederentdeckt wurde.
Europa erscheint dort als gekrönte Frauengestalt, bei der:
Spanien den Kopf bildet,
das Heilige Römische Reich den Körper,
Böhmen das Herz,
Italien einen Arm,
und die übrigen Regionen Gewand und Glieder formen.
Die Darstellung entstand ursprünglich im Umfeld der Habsburger Zeit und stand in engem Zusammenhang mit Kaiser Karl V., doch unabhängig von ihrer politischen Entstehung offenbart sie ein Weltbild, das mich bis heute fasziniert.
Europa erscheint dort nicht als technischer Verwaltungsraum, nicht als Markt und auch nicht als bürokratische Konstruktion, sondern als lebendiger Organismus.
Ein Organismus lebt nicht durch Gleichmacherei, sondern durch Unterschiedlichkeit und Zusammenspiel, denn das Herz ist nicht die Lunge, die Lunge nicht das Auge und trotzdem gehört alles zusammen.
Besonders interessant erscheint mir dabei, dass sich selbst die innere Anatomie Europas im Laufe der Zeit veränderte.
Sebastian Münster übernahm die Grundidee der Europa Regina Ende des 16. Jahrhunderts in seiner Cosmographia und verbreitete sie im gesamten deutschsprachigen Raum, wodurch das Bild erstmals eine größere kulturelle Wirkung entfaltete.
Kurz darauf veränderte Heinrich Bünting die Symbolik erneut.
Bei ihm rückte Frankreich stärker in den Brustbereich, während Böhmen tiefer in den Bauchraum wanderte und Deutschland den Magen bildete.
Gerade diese Veränderungen wirken auf mich bemerkenswert, denn sie zeigen, dass Europa selbst damals nicht als starre Fläche verstanden wurde, sondern wie ein lebendiger Körper, dessen innere Ordnung sich verändern konnte und dennoch als zusammenhängender Organismus begriffen wurde.
Vielleicht liegt genau darin ein tiefer Unterschied zur Gegenwart.
Heute werden Räume häufig:
vermessen,
verwaltet,
normiert,
und funktional organisiert,
während frühere Zeiten versuchten, Räumen:Bedeutung,
Symbolik,
Erinnerung,
und kulturellen Zusammenhang zu geben.
Dadurch entsteht in mir immer häufiger das Gefühl, dass Europa innerlich aus dem Gleichgewicht geraten ist, wobei ich damit nicht Europa selbst meine, sondern vielmehr die Art, wie die Gegenwart organisiert, beschleunigt und verwaltet wird.
Die Schule von Salamanca erkannte bereits früh, dass eine Ausweitung der Geldmenge den Wert des Geldes verringern und Inflation auslösen kann. Auch darin zeigt sich für mich, dass frühere Zeiten keineswegs so irrational gewesen sein müssen, wie sie heute häufig dargestellt werden.
Europa Regina wirkt auf mich lebendig, während die heutige Ordnung häufig:
technisch,
bürokratisch,
normierend,
und zunehmend entfremdet
vom kulturellen Organismus Europas erscheint.
Der Kyffhäuser Mythos berührt mich in diesem Zusammenhang besonders stark, weil die Vorstellung, dass Barbarossa im Berg schläft, auf mich nicht wie eine gewöhnliche Sage oder politische Erzählung wirkt, sondern wie eine tiefere Form kultureller Sehnsucht.
Nicht die Sehnsucht nach Macht interessiert mich dabei, sondern vielmehr die Sehnsucht nach:
Tiefe,
Ordnung,
Kontinuität,
und einem inneren Zusammenhang,
den viele Menschen heute nicht mehr spüren.
Der schlafende Kaiser wirkt deshalb auf mich nicht tot, sondern wartend, fast so, als wäre etwas nicht verschwunden, sondern lediglich verborgen.
Historisch gilt Barbarossa vermutlich als im Fluss Saleph ertrunken, dennoch entsteht in mir bei dieser Vorstellung ein eigenartiges Störgefühl, denn ein Mensch, der Schlachten, Machtkämpfe und politische Konflikte überstand, soll tausende Kilometer von der Heimat entfernt zufällig in einem Fluss sterben?
Gerade diese Unstimmigkeit öffnet für mich den Raum des Mythos.
Ich frage mich manchmal, ob der plötzliche Verlust einer solchen Figur auf eine Gesellschaft wie ein Trauma wirken kann, denn ein natürlicher Tod beendet etwas, während Verrat oder ein unbegreiflicher Verlust offene Räume im kollektiven Empfinden hinterlassen.
Dort beginnt Mythos.
Der ursprüngliche griechische Begriff mythos bedeutete:
Rede,
Erzählung,
ausgesprochene Wahrheit.
Heute wird Mythos häufig mit Fantasie oder Unwahrheit verbunden, ursprünglich ging es jedoch weniger um historische Exaktheit als vielmehr um Sinn und um die innere Wirklichkeit einer Kultur.
Die neue Welt spricht über Narrative, während die alte Welt über Mythen sprach, denn der Mythos wirkt:
langsamer,
symbolischer,
menschlicher,
näher an Erinnerung und Erfahrung,
während Narrative häufig:strategisch,
steuernd,
zielgerichtet,
und technisch erscheinen.
Die alten Mythen wussten noch um ihre eigene Symbolik und versuchten nicht vollständige Kontrolle auszuüben, sondern Sinn, Ordnung und menschliche Erfahrung auszudrücken.
Die heutige Zeit hält sich dagegen für rational und entmythologisiert, während gleichzeitig neue Mythen entstehen:
Fortschritt,
permanente Optimierung,
vollständige Kontrolle,
und die Vorstellung, komplexe Wirklichkeit vollständig berechnen zu können.
Frühere Kulturen erzählten ihre Mythen offen:
in Bildern,
in Landschaften,
in Geschichten,
und in Symbolen,
während die Gegenwart ihre Narrative über:Systeme,
Modelle,
Medien,
Daten,
und permanente Wiederholung erzeugt.
Dadurch wirken sie objektiv, obwohl auch sie auf:
Annahmen,
Hoffnungen,
Ängsten,
und nicht gelebten Sehnsüchten beruhen.
Vielleicht besitzt jede Zeit ihre eigenen Götter.
Früher hießen sie:
Odin,
Zeus,
Janus,
Heimdall,
oder Apollo,
während sie heute andere Namen tragen:Algorithmus,
Netzwerk,
Effizienz,
Optimierung,
Sicherheit,
Markt,
oder künstliche Intelligenz.
Die alten Götter standen sichtbar vor dem Menschen, als Figur, als Sage, als Bild oder als Symbol, während die neuen Götter unsichtbar wirken und durch:
Systeme,
Bildschirme,
Modelle,
Zahlen,
und permanente Wiederholung sprechen.
Modelle erscheinen mir dabei wie eine Form moderner Narrative, denn ein Modell ist niemals die Wirklichkeit selbst, sondern bleibt immer:
Auswahl,
Vereinfachung,
Gewichtung,
Interpretation.
Modelle wirken objektiv, weil sie mathematisch und technisch erscheinen, trotzdem entscheiden Menschen:
welche Daten verwendet werden,
welche Faktoren wichtig sind,
welche Ziele verfolgt werden.
Digital betrachtet besteht die technische Welt letztlich aus:
0
und 1,
also aus:an,
aus,
wahr,
falsch.
Doch die wirkliche Welt verhält sich selten binär, sondern besteht aus:
Übergängen,
Zwischentönen,
Unschärfen,
Widersprüchen,
und kontinuierlichen Bewegungen.
Licht besitzt Abstufungen, Gefühle besitzen Abstufungen und der Mensch selbst besteht aus Ambivalenz und Übergängen.
Natürlich kann man unzählige Einsen hintereinander schreiben und daraus komplexe Zahlenwelten erzeugen, und trotzdem bleibt etwas daran grundsätzlich verschieden zur wirklichen Welt.
Die digitale Welt kann Wirklichkeit beschreiben, doch Beschreibung ist nicht identisch mit Wirklichkeit selbst.
Eine Landschaft besteht nicht aus Pixeln und ein Mensch nicht aus Datenpunkten.
Deshalb faszinieren mich Orte wie:
Ulm,
der Kyffhäuser,
oder Salamanca,
weil sie auf mich wie Verdichtungen europäischer Erinnerung wirken.
Im Mainstream wird das Mittelalter häufig als:
dunkel,
dreckig,
rückständig,
und irrational beschrieben, doch wenn ich an meine Heimatstadt Ulm denke, frage ich mich immer häufiger, ob sich das tatsächlich so ereignet hat.
Eine Bürgerschaft, die den höchsten Kirchturm der Welt erschaffen hat, wirkt auf mich nicht orientierungslos.
Das Ulmer Münster entstand nicht über Nacht, nicht aus kurzfristiger Wirtschaftlichkeit und auch nicht aus einem schnellen Optimierungsprozess, sondern über Jahrhunderte hinweg.
Menschen begannen etwas zu bauen, dessen Vollendung sie selbst niemals erleben würden, und allein darin steckt ein völlig anderes Verhältnis:
zur Zeit,
zur Geduld,
zur Dauer,
und zur Zukunft.
Heute wird häufig:
projektbezogen,
wirtschaftlich,
kurzfristig,
und innerhalb weniger Zyklen gedacht,
während das Münster aus einer Haltung entstand, die weit über das eigene Leben hinausreichte.
Ein Bauwerk wie das Ulmer Münster verlangt:
Geduld,
Ausdauer,
Handwerk,
Organisation,
gemeinschaftliche Identität,
und kulturelle Kontinuität.
Der Gedanke, über Jahrhunderte hinweg an einem Bauwerk weiterzuarbeiten, zeigt eine Form von:
Vertrauen,
Beständigkeit,
und kultureller Tiefe,
die der Gegenwart teilweise verloren gegangen zu sein scheint.
Heute sprechen wir ständig über Fortschritt und Beschleunigung, während gleichzeitig nur noch wenige Bauwerke entstehen, die überhaupt für Jahrhunderte gedacht sind.
Ist Geschwindigkeit wirklich Fortschritt?
Oder entsteht wahre Dauerhaftigkeit erst dort, wo der Mensch wieder lernt:
langsamer,
geduldiger,
und über Generationen hinweg zu denken?
Das Ulmer Münster wirkt auf mich deshalb nicht nur wie Architektur.
Es wirkt wie materialisierte Zeit.