Zu den Sachen selbst

Über die Sinnlichkeit des Bauens, die erste Strichpunktlinie und unser In-der-Welt-sein

Foto: zeitlichtundfarbe - carlosvicentedelaplaza


1. Die erste Strichpunktlinie

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Ausbildungstag.

Vor mir lag ein Außenanlagenplan, auf dem ich eine Veränderung vornehmen sollte, obwohl ich noch gar nicht wusste, was darauf eigentlich dargestellt war. Mein damaliger Chef drückte mir einen Stift in die Hand und überließ mir die Aufgabe.

Es war eine Strichpunktlinie.

Drei oder vier Tuschezeichner lagen in einer Schale am Zeichenbrett, und während ich den Plan betrachtete, entdeckte ich die unterschiedlichen Strichstärken und Linienarten, die sich zu einer mir noch unbekannten, aber dennoch irgendwie verständlichen Sprache zusammenfügten.

Ich nahm den Stift und begann zu zeichnen, ohne lange darüber nachzudenken.

Es war beinahe selbsterklärend.

Noch heute sehe ich diesen Plan vor mir und erinnere mich an das Gefühl dieses Augenblicks, obwohl inzwischen mehr als drei Jahrzehnte vergangen sind.

Was war damals eigentlich geschehen?

Ich hatte etwas getan, dessen Bedeutung ich noch gar nicht verstand. Ich hatte beobachtet, einen Zusammenhang erkannt und mit meinen Händen darauf reagiert, bevor ich die Regeln dieser mir fremden Sprache überhaupt kannte.

2. Die Sinnlichkeit des Zeichnens

Damals wurde noch mit Tusche gezeichnet, und wer damit arbeitete, musste aufmerksam sein, denn eine einmal gezogene Linie ließ sich nicht ohne Weiteres rückgängig machen. War sie falsch, konnte man versuchen, sie mit einer Rasierklinge vorsichtig vom Papier zu schaben, wobei manchmal eine Spur zurückblieb.

Ich mochte diese Arbeit, bei der die Hand den Stift führte, das Auge der Linie folgte und man den Widerstand des Materials ebenso spürte wie die Beschaffenheit des Papiers.

Später kam der Computer, mit dem sich Linien plötzlich verschieben, verändern und löschen ließen. Aus Zeichnungen wurden digitale Modelle, und heute arbeite ich mit Laserscannern und einer Technik, deren Möglichkeiten ich mir damals kaum hätte vorstellen können.

Es fasziniert mich noch immer, was damit möglich geworden ist.

Und dennoch kehre ich gedanklich immer wieder zu meiner ersten Strichpunktlinie zurück, nicht weil früher alles besser gewesen wäre, sondern weil mich dieses unmittelbare Verhältnis zwischen Mensch, Werkzeug und Material bis heute beschäftigt.

3. Die Begegnung mit dem Vorhandenen

In meiner beruflichen Tätigkeit begegne ich immer wieder bestehenden Gebäuden und technischen Anlagen, deren Geschichte sich mir zunächst nur in Ausschnitten erschließt.

Ich betrete Räume, betrachte Leitungen, Schächte und Konstruktionen und entdecke dabei gelegentlich Dinge, die in keinem Plan zu finden sind. Manchmal frage ich mich, warum etwas gerade so gebaut wurde, welche Möglichkeiten den Menschen damals zur Verfügung standen und welche Schwierigkeiten sie bewältigen mussten.

Ich weiß es nicht, doch ihre Spuren sind geblieben.

Wenn ich heute einen Raum mit dem Laserscanner erfasse, entstehen Millionen von Messpunkten, aus denen sich eine dreidimensionale Darstellung entwickeln lässt.

Doch während ich später diese Punktwolke betrachte, frage ich mich manchmal, was ich eigentlich sehe.

Den Raum oder eine Darstellung des Raumes?

Ich erinnere mich an das Licht, die Geräusche, die Oberflächen und die Atmosphäre des Gebäudes, von denen mir die Punktwolke nur wenig erzählt. Und dennoch entdecke ich gerade durch diese digitale Darstellung manchmal Zusammenhänge, die mir vor Ort entgangen sind.

Beides fasziniert mich, das unmittelbare Erleben und die Möglichkeit, etwas aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

4. Zu den Sachen selbst

Irgendwann begegnete mir ein Gedanke aus der Philosophie, der mich nicht mehr losgelassen hat.

„Zu den Sachen selbst!“

Edmund Husserl, einer der Begründer der Phänomenologie, verband damit die Aufforderung, sich dem zuzuwenden, was sich in unserer Erfahrung zeigt.

Ich musste wieder an meine erste Strichpunktlinie denken, an diesen Augenblick, in dem ich etwas wahrgenommen hatte, ohne bereits alles darüber zu wissen.

Auch Martin Heideggers Gedanke des In-der-Welt-seins beschäftigt mich, denn wir stehen der Welt nicht einfach als unbeteiligte Beobachter gegenüber, sondern befinden uns immer schon in ihr, begegnen Menschen, gestalten unsere Umgebung und werden zugleich von ihr geprägt.

Dabei betrachten wir die Dinge niemals vollkommen voraussetzungslos, denn unsere Erfahrungen, Erwartungen und unser Wissen begleiten uns bei allem, was wir wahrnehmen.

Doch wie häufig halten wir etwas bereits für verstanden, nur weil wir es benennen und einordnen können?

Ich kenne diesen Impuls gut, schließlich bin ich Techniker und habe über drei Jahrzehnte gelernt, Probleme zu erkennen und Lösungen zu entwickeln. Dennoch ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich bereits eine Antwort suche, bevor ich die Frage wirklich verstanden habe.

Dann kommt mir Husserls Gedanke wieder in den Sinn.

Zu den Sachen selbst.

Ich schaue noch einmal hin, hinterfrage meine eigenen Annahmen und entdecke dabei manchmal etwas, das mir zuvor verborgen geblieben ist.

5. IMAGI(E)NARIUM

Seit einiger Zeit beschäftigt mich eine Idee, die ich IMAGI(E)NARIUM nenne und die aus meinen Erfahrungen mit dem Bauen, dem Zeichnen und meiner Freude am Gestalten entstanden ist.

Ich stelle mir einen Tisch vor, auf dem ein Tableau liegt, daneben Holzklötze, kleine Bauteile, Knetmasse, Stifte und Papier.

Menschen sitzen gemeinsam daran, jemand stellt einen Holzklotz an eine bestimmte Stelle, ein anderer verschiebt ihn und eine dritte Person zeichnet eine Linie, wodurch Fragen entstehen und Vorstellungen sichtbar werden, die zuvor niemand ausgesprochen hatte.

Vielleicht entsteht etwas vollkommen Unrealistisches.

Ein Luftschloss.

Ich mag diesen Gedanken, denn nicht jede Vorstellung muss bereits im Augenblick ihrer Entstehung auf ihre Machbarkeit überprüft werden.

Dabei denke ich nicht an eine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern an die Begegnung unterschiedlicher Welten.

Die Hand und der Computer, die Vorstellung und das Modell, das Gespräch und die Zeichnung, das Vorhandene und das Mögliche.

Während ich das IMAGI(E)NARIUM weiterentwickelte, bemerkte ich allerdings, dass ich selbst begann, diese offene Idee zunehmend zu erklären, zu strukturieren und mit einer bestimmten Vorgehensweise zu versehen.

War ich nicht gerade dabei, etwas festzulegen, dessen Möglichkeiten ich noch gar nicht kannte?

Ich kehrte gedanklich an den Tisch zurück.

Ein Mensch betrachtet ein leeres Blatt Papier, nimmt einen Stift und zeichnet eine Linie. Ein anderer tritt hinzu, erkennt darin etwas, das der Zeichnende selbst noch nicht gesehen hatte, und aus ihrem Gespräch entsteht eine Vorstellung, die keiner von beiden zuvor hatte.

Vielleicht ein Gebäude, eine andere Idee oder die Erkenntnis, dass überhaupt nichts gebaut werden muss.

Das IMAGI(E)NARIUM möchte ich als einen Raum verstehen, in dem solche Begegnungen stattfinden können, ohne dass bereits feststeht, wohin sie führen.

Irgendwann werden wir entscheiden müssen, denn unsere Vorstellungen werden sich in der Wirklichkeit bewähren müssen. Doch davor liegt jener Augenblick, der mich besonders interessiert, in dem noch nicht alles entschieden ist und eine Frage noch eine Frage bleiben darf.

Wenn ich heute daran denke, sehe ich wieder meinen ersten Ausbildungstag vor mir, den Außenanlagenplan, die Tuschezeichner und diese eine Strichpunktlinie.

Ich hatte damals keine Vorstellung davon, wohin mich diese erste Linie einmal führen würde.

Ich nahm den Stift und begann.

Mehr als drei Jahrzehnte später beschäftige ich mich wieder mit der Frage, was geschieht, wenn wir etwas betrachten, bevor wir es erklären.

Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich gerade erst anfange, wirklich zu schauen.

Und du?

Wann hast du zuletzt etwas betrachtet, ohne bereits zu wissen, was du darin sehen solltest?

Zu den Sachen selbst.

Carlos Vicente de la Plaza
IMAGI(E)NARIUM | Oktober 2026

 

Hinweis: Dieser Text ist kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Er ist eine Einladung zum Nachdenken – über Technik, Gebäude und Maß.

José Carlos Vicente Plaza
Cavicon GmbH

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