Mehr Ulmer Münster. Mehr Venedig.
Die ver-rückte Stadt im Wasser. Venedig im November 2024.
Über Bürgersinn, Widerstand und Urteilskraft am Bau
Manchmal genügt ein stilles Bild, um eine ganze Bauphilosophie sichtbar zu machen: ein Pfahl im Wasser, ein weiter Horizont, Nebel. Keine Fassade, keine Gondel, kein touristisches Venedig. Und doch wird gerade in dieser Reduktion etwas Wesentliches sichtbar, denn nicht der Glanz der Oberfläche steht im Vordergrund, sondern die Bedingung, aus der dieser Glanz entstehen konnte.
Venedig ist für mich nicht zuerst das Bild einer untergehenden Stadt oder die melancholische Kulisse europäischer Vergänglichkeit, sondern ein Bild des Bestandes. Die Stadt entstand nicht auf idealem Grund, sondern im Wasser, in der Lagune und im Zwischenraum zwischen Land und Meer. Ihre Form ging aus Schutzbedürfnis, technischer Notwendigkeit, Erfindungskraft und dem Willen hervor, unter schwierigen Bedingungen eine eigene Ordnung zu schaffen. Der Widerstand kam nicht später zur Stadt hinzu, sondern gehört zu ihrem Ursprung. Der Glanz Venedigs besteht deshalb nicht trotz der Bedrohung, sondern ist aus ihr hervorgegangen.
Darin liegt eine entscheidende Wahrheit des Bauens: Form entsteht nicht nur dort, wo ideale Voraussetzungen herrschen, sondern ebenso dort, wo Menschen schwierige Bedingungen ernst nehmen und in Bestand verwandeln. Mehr Venedig zu denken bedeutet deshalb nicht, Schwierigkeiten schönzureden, sondern sie als Ursprung der Form zu begreifen. Bauen findet fast nie im Idealzustand statt; es findet im Bestand, im Widerspruch, unter technischen Zwängen, mit begrenzten Mitteln und in einer Wirklichkeit statt, die sich nie vollständig in Plänen, Modellen und Prozessen abbilden lässt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob es Widerstand gibt, sondern ob wir aus diesem Widerstand eine tragfähige und unverwechselbare Form entwickeln können. Hier beginnt Baukultur.
Das Ulmer Münster: gebaute Bürgerschaft
Zum Widerstand der Wirklichkeit gehört das Selbstbewusstsein der Menschen. Deshalb dürfen wir am Bau auch wieder mehr Ulmer Münster denken, und zwar nicht allein wegen seiner Höhe oder seiner gotischen Gestalt, sondern weil das Ulmer Münster gebaute Bürgerschaft ist. Sein Bau wurde maßgeblich aus der Stadt heraus getragen: aus Bürgersinn, Handwerk, Glauben, Gemeinsinn, wirtschaftlicher Kraft und Selbstbewusstsein.
Dieses Selbstbewusstsein war keine Selbstüberhöhung, sondern ein Selbst-bewusst-Sein: das Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten, der eigenen Würde und der Verantwortung für das gemeinsame Ganze. Eine Bürgerschaft, die sich ihrer selbst bewusst ist, wartet nicht darauf, dass ihr von oben eine Mitte gegeben wird, sondern schafft diese Mitte selbst und gibt ihrem gemeinsamen Dasein eine Form.
Das Ulmer Münster war meiner Meinung nach kein religiöser Raum. Und es war nicht ausschließlich das Zeichen einer Macht, die über der Stadt stand, sondern Ausdruck einer Stadt, die sich selbst eine Form gab. Dass diese bürgerliche Verankerung mehr war als eine spätere Deutung, zeigt auch die Eigentumsgeschichte: Das Münster befand sich über Jahrhunderte im Eigentum der Stadt Ulm und ging erst 1894 in das Eigentum der Evangelischen Kirchengemeinde über. Es war damit Kirche, Aufgabe, Eigentum und gemeinsames Werk der Stadt zugleich.
Venedig und das Ulmer Münster bilden zwei Pole derselben Bauhaltung. Venedig gibt dem Widerstand eine Form, während das Ulmer Münster dem Selbstbewusstsein eine Gestalt gibt. Das eine beginnt bei den Bedingungen der Wirklichkeit, das andere bei der Verantwortung der Menschen. Baukultur entsteht dort, wo beides aufeinandertrifft. Venedig fragt, welche Form aus Bedingungen entstehen kann, die wir uns nicht ausgesucht haben; das Ulmer Münster fragt, was wir bauen, das länger trägt als unsere eigene Zuständigkeit.
Wenn aus Baukultur Aktenkultur wird
Viele heutige Projekte wirken, als würden sie nur bis zur Abnahme, bis zum Ende der Gewährleistung oder bis zur nächsten Kostenstelle gedacht. Eine Idee wird früh auf das reduziert, was formal sauber, genehmigungsfähig und möglichst widerspruchsfrei erscheint. So wird aus Möglichkeit Zuständigkeit, aus Gestaltung Absicherung und aus Baukultur Aktenkultur.
Bauämter haben eine wichtige Aufgabe, denn Recht, Sicherheit, Brandschutz, Nachbarschaft und öffentliche Belange sind keineswegs nebensächlich. Verwaltung sollte jedoch nicht zuerst begrenzen, sondern ermöglichen. Begrenzen heißt, zunächst zu fragen, warum etwas nicht geht; ermöglichen heißt, zu klären, unter welchen Bedingungen eine Idee verantwortbar Wirklichkeit werden kann. Ein gutes Bauamt ist deshalb nicht der Ort, an dem eine Idee ihre Kraft verliert, sondern der Ort, an dem sie geprüft, geschärft und in eine genehmigungsfähige und tragfähige Form übersetzt wird.
Ein innovatives Bauamt erkennt den Mut, die Eigenständigkeit und die schöpferische Verantwortung eines Bauherrn an. Es versteht sich nicht als geschmackliche Instanz, sondern als fachlich urteilende und rechtlich ermöglichende Institution, denn der persönliche Geschmack eines Amtes ist weder Baurecht noch Baukultur. Verwaltung darf begrenzen, wo Schutzgüter tatsächlich berührt sind, sie darf ein Vorhaben aber nicht allein deshalb verwerfen, weil eine Idee ungewohnt ist oder nicht dem ästhetischen Empfinden einzelner Entscheidungsträger entspricht. Andernfalls wird aus fachlicher Prüfung ein spätrömisches Arenaschauspiel mit Daumen nach oben oder Daumen nach unten, entschieden nicht nach Recht, Sicherheit und Verantwortung, sondern nach persönlichem Gefallen.
Nicht jede Abweichung ist Baukultur, aber ohne Abweichung entsteht selten etwas Unverwechselbares. Die Qualität eines Bauamtes zeigt sich daher nicht darin, wie zuverlässig es das Bekannte reproduziert, sondern darin, ob es verantwortbare Eigenständigkeit erkennen und möglich machen kann. Die entscheidenden Maßstäbe müssen Recht, Sicherheit, Verantwortung und kulturelle Urteilskraft bleiben.
Der gebaute Einheitsbrei
Ein erheblicher Teil dessen, was in den vergangenen hundert Jahren errichtet wurde, wirkt leblos. Es ist ein Bauen entstanden, das sich vielerorts ähnelt, unabhängig von Stadt, Landschaft und kulturellem Zusammenhang: dieselben Fassadenraster, dieselben Flachdächer, dieselben Fensterformate, dieselben Materialien, dieselben Investorenfarben und dieselben technisch optimierten, aber gestalterisch entleerten Kubaturen.
Das Problem liegt nicht darin, dass Gebäude funktional, wirtschaftlich und technisch vernünftig sein sollen. Es beginnt dort, wo Funktionalität zur einzigen Sprache wird, Wirtschaftlichkeit jede weitere Vorstellung verdrängt und technische Rationalität mit gestalterischer Wahrheit verwechselt wird. Dann entstehen Gebäude, die alle Anforderungen erfüllen und dennoch nichts erzählen. Sie können berechnet, genehmigt, finanziert und abgenommen werden, ohne eine eigenständige Antwort auf ihren Ort entwickelt zu haben. Sie besitzen weder den Mut Venedigs noch das Selbstbewusstsein des Ulmer Münsters.
Die Werkzeuge werden immer leistungsfähiger, während die Ergebnisse immer ähnlicher werden. Nie standen dem Bauen mehr technische Mittel zur Verfügung, und selten wirkte die Masse des Gebauten so austauschbar. Diese Leblosigkeit liegt daher möglicherweise nicht in einem Mangel an Technik, sondern in einem Mangel an Vorstellungskraft, Mut und persönlicher Verantwortung. Wo niemand mehr eine eigene Form verantworten will und jede Abweichung als Risiko gilt, wird Gleichförmigkeit zur sichersten Lösung. Eine Gesellschaft, die nur noch das technisch Optimierte wiederholt, baut jedoch keine Zukunft, sondern vervielfältigt lediglich ihre Gegenwart. Summa summarum entsteht ein großer, geschmackloser Einheitsbrei.
Die Lüge der technokratischen Nachhaltigkeit
Parallel dazu wurde die Gebäudetechnik vielerorts so aufgebläht, verkompliziert und kurzlebig, dass sie kaum zwei Generationen überdauert. Was als Fortschritt verkauft wird, erzeugt häufig eine wachsende Abhängigkeit von wartungsintensiven Anlagen, proprietären Systemen, Ersatzteilen, Softwareständen und spezialisierten Dienstleistungen. Genau diese Abhängigkeit wird uns anschließend als Nachhaltigkeit verkauft.
Ein Gebäude gilt als nachhaltig, weil es mit immer mehr Technik ausgestattet, vermessen, geregelt und überwacht wird, selbst wenn seine Systeme weder dauerhaft verständlich noch einfach reparierbar sind. Die Anlage gilt als effizient, solange alle Komponenten funktionieren, als intelligent, solange die Software unterstützt wird, und als nachhaltig, solange Ersatzteile verfügbar sind und Spezialisten ihre Komplexität am Leben erhalten. Doch ein Gebäude, das nur durch permanente technische Betreuung nachhaltig erscheint, ist nicht nachhaltig, sondern abhängig.
Nachhaltigkeit beginnt nicht beim Zertifikat, beim Sensor oder beim nächsten Softwarestand, sondern bei Dauerhaftigkeit, Angemessenheit, Reparierbarkeit und verständlicher Technik. Wird technische Komplexität als Nachhaltigkeit ausgegeben, obwohl sie neue Abhängigkeiten, Wartungskosten und Ressourcenverbräuche erzeugt, dann wird der Begriff in sein Gegenteil verkehrt: Aus Dauerhaftigkeit wird Abhängigkeit, aus Einfachheit wird Komplexität und aus Verantwortung wird Verwaltung.
Was uns unter diesen Bedingungen als Nachhaltigkeit verkauft wird, ist nicht bloß ein Irrtum, sondern eine Lüge über den tatsächlichen Zustand des Gebauten. Wenn jeder vermeintliche Mangel durch zusätzliche Technik kompensiert werden soll, wird Nachhaltigkeit zu einer perversen Form des Mangeldenkens. Sie fragt nicht mehr, was bereits trägt, sondern nur noch, was vermeintlich fehlt, und erzeugt dadurch immer neue technische Schichten, Fehlerquellen und Abhängigkeiten.
Die Krise als Chance
Vielleicht liegt gerade in der gegenwärtigen Krise eine Chance, das Bewusstsein für das Bauen zurückzugewinnen. Das bedeutet nicht, Technik grundsätzlich abzulehnen, sondern wieder genauer zu fragen, welche Technik einem Bauwerk tatsächlich dient, welche dauerhaft verständlich bleibt und welche Abhängigkeiten sie erzeugt.
Einfachere, langlebigere und reparierbare Technik würde die Menschen, die Anlagen warten und instand halten, keineswegs überflüssig machen. Der Unterschied liegt vielmehr darin, ob Arbeit aus künstlich erzeugter Komplexität entsteht oder aus einer Kultur der Pflege. Ein Techniker, der eine Anlage über Jahre kennt, erhält und verantwortungsvoll weiterentwickelt, ist kein bloßer Kostenfaktor, sondern Träger des Bestandes. Seine Erfahrung verhindert Verschwendung, verlängert Lebenszyklen und bewahrt Wissen.
Wartung wäre dann nicht länger nur die lästige Folge technischer Unzulänglichkeit, sondern Teil einer Kultur des Erhaltens. Reparatur wäre kein Eingeständnis des Scheiterns, sondern Ausdruck von Verantwortung. Eine höhere Qualität des Bewusstseins würde deshalb nicht zwangsläufig weniger Beschäftigung hervorbringen, sondern eine andere Wertschätzung der Arbeit ermöglichen. Eine bewusste Baukultur schafft Menschen nicht ab, sondern gibt ihrer Arbeit wieder Bedeutung. Nicht die Wartung ist das Problem, sondern eine Technik, deren Wartungsbedarf nicht dem Erhalt dient, sondern nur der Aufrechterhaltung ihrer eigenen Komplexität.
Der tote Fisch und die digitale Strömung
An diesem Punkt gehört das Bild des toten Fisches dazu, denn nur der tote Fisch schwimmt immer mit dem Strom. In der digitalen Transformation gilt häufig: Was digitalisiert werden kann, soll digitalisiert werden, was automatisiert werden kann, soll automatisiert werden, und was technisch möglich ist, erscheint schon deshalb als notwendig und zukunftsfähig. Technische Möglichkeit ist jedoch noch keine kulturelle Notwendigkeit.
Wenn Digitalisierung zur einzigen Fantasie der Menschheit wird, fragen wir nicht mehr, welche Zukunft wir gestalten wollen, sondern nur noch, welche technische Möglichkeit als Nächstes umgesetzt werden kann. Digitale Werkzeuge können klären, verbinden und Projekte verständlicher machen, sie können aber auch eine zweite Wirklichkeit erzeugen, die sich vor die erste schiebt. Dann wird nicht mehr das Gebäude verstanden, sondern nur noch der Prozess bedient, und nicht mehr der Ort gelesen, sondern lediglich die Dokumentation vervollständigt.
Wenn Digitalisierung zur einzigen Fantasie der Menschheit wird, ist deshalb nicht die Technik zu mächtig geworden, sondern die menschliche Vorstellungskraft zu klein. Der tote Fisch beginnt nicht dort, wo jemand digitale Werkzeuge benutzt, sondern dort, wo jemand seine Urteilskraft an die Strömung abgibt. Er hat keine eigene Richtung mehr, sondern wird bewegt. Nicht alles, was Maschinen können, müssen Menschen wollen, nicht alles, was automatisiert werden kann, sollte automatisiert werden, und nicht jeder technische Fortschritt ist zugleich ein menschlicher Fortschritt.
Mehr Ulmer Münster. Mehr Venedig.
Das Ulmer Münster zeigt, was entstehen kann, wenn eine Bürgerschaft sich ihrer selbst und ihrer Verantwortung bewusst wird. Venedig zeigt, was entstehen kann, wenn schwierige Bedingungen nicht bloß als Mangel behandelt werden, sondern als Ursprung einer eigenen Form. Das eine steht für das Bewusstsein des Handelnden, das andere für den Widerstand der Wirklichkeit, und Baukultur entsteht in der Begegnung beider Kräfte.
Mehr Ulmer Münster bedeutet, Verantwortung nicht zu delegieren. Mehr Venedig bedeutet, dem Widerstand nicht auszuweichen. Der heutige Bau braucht deshalb eine Bürgerschaft, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist, eine Verwaltung, die ermöglicht, ein Handwerk, das mitdenkt, eine Technik, die verständlich und reparierbar bleibt, und eine Digitalisierung, die dient, statt zu herrschen.
Venedig zeigt, dass Bestand nicht aus idealen Voraussetzungen, sondern aus der schöpferischen Antwort auf Widerstand entsteht. Das Ulmer Münster zeigt, dass Bestand aus Bürgersinn, Freiheit, Handwerk und dem Bewusstsein einer Bürgerschaft von sich selbst hervorgehen kann. Der tote Fisch wiederum zeigt, dass Bewegung noch kein Leben ist.
Vielleicht ist genau das die Aufgabe unserer Zeit am Bau: wieder so zu bauen, dass aus Selbstbewusstsein Verantwortung, aus Widerstand Form, aus Form Bestand, aus Pflege Dauer, aus Bestand Kultur und aus Fortschritt wieder Urteilskraft wird.