Essay: Titel Zwei26 - Teil II

Teil II – Zeit, Maß und das Janus-Prinzip

Bauen bewegt sich immer zwischen Zeiten.

Es greift zurück
und wirkt voraus.

Diese doppelte Blickrichtung
lässt sich als Janus-Prinzip beschreiben:
mit einem Gesicht zur Vergangenheit,
mit dem anderen zur Zukunft.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich,
den Begriff Fort-Schritt wörtlich zu nehmen.

Jede Gesellschaft denkt – oder dachte –,
dass Fortschritt ein Muss ist.

Doch die eigentliche Frage lautet:
Wovor schreitet man fort?

Ist es die Angst vor Stillstand?
Oder die Angst vor Fehlern,
vor Unvollkommenheit,
vor dem Nicht-Kontrollierbaren?

Wenn Fortschritt allein
als Bewegung weg von etwas verstanden wird,
verliert er sein Maß.

Dann wird Fortschritt
nicht Entwicklung,
sondern Flucht.

Johann Wolfgang von Goethe
dachte nicht in linearem Fortschritt,
sondern in Wandlung.

Erkenntnis entsteht nicht durch Zerlegung,
sondern durch Anschauung –
durch das Erfassen von Zusammenhängen
über Zeit.

Übertragen auf das Bauen bedeutet das:
Planung darf nicht nur
auf das Neue zielen,
sondern muss das Gewordene
mitdenken.

Wer nur nach vorne optimiert,
verliert das Maß.

Wer beides zusammenhält –
Erfahrung und Entwurf,
Erinnerung und Verantwortung –,
schafft Dauer.

Fortsetzung folgt.


Hinweis: Dieser Text ist kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Er ist eine Einladung zum Nachdenken – über Technik, Gebäude und Maß.

José Carlos Vicente Plaza
Cavicon GmbH

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