Essay: Titel Zwei26 - Teil III
Teil III – BIM, Technik und das Gestell
Der digitale Planungsprozess arbeitet mit Ordnung.
Mit Raster, Ebenen, Referenzen, Koordinaten.
Das ist notwendig
und in vielen Fällen hilfreich.
Die Grenze wird dort erreicht,
wo das Modell zum Zentrum wird.
Martin Heidegger
beschrieb Technik nicht als Werkzeug,
sondern als Denkweise –
als Gestell.
Eine Haltung,
in der die Welt vor allem
als Bestand erscheint:
verfügbar, berechenbar, kontrollierbar.
Übertragen auf das Bauen bedeutet das:
Das Gebäude wird zum Datenträger,
der Mensch zum Nutzer,
das Modell zum ordnenden Prinzip.
Narzisstisch ist BIM nicht als Werkzeug,
sondern als Denkweise.
Dann, wenn sich das Modell selbst genügt.
Wenn Vollständigkeit
mit Qualität verwechselt wird.
Wenn das Abbild
wichtiger wird als das Bauwerk.
BIM wird aus der Angst vor Fehlern heraus genutzt.
Fehlervermeidung erhält höchste Priorität.
Dabei entsteht der Eindruck,
als hätte die Menschheit
vor diesen Werkzeugen
nichts Wesentliches geleistet.
Das Unperfekte gilt plötzlich als Defizit,
nicht mehr als Teil des Werdens.
Wo Fehler nicht mehr ausgehalten werden,
beginnt ein narzisstischer Kreislauf:
Kontrolle ersetzt Verantwortung,
und Fortschritt
wird zum Selbstzweck.
Fehler, Schuld und das kollektive System
In der heutigen Baupraxis
wird der Fehler meist
als formale Schuldfrage behandelt.
Wer hat versagt?
Wer haftet?
Welche wirtschaftlichen Konsequenzen folgen?
Diese Sichtweise greift zu kurz.
Systemisch betrachtet
entsteht der Fehler selten
durch eine einzelne Person
oder eine isolierte Entscheidung.
Er entsteht im Kollektiv.
In Übergaben.
In Schnittstellen.
In Zeitdruck.
In der Übersetzung zwischen Modell, Planung, Ausführung
und Verantwortung.
Wo Fehler ausschließlich
individualisiert werden,
bleibt das System unangetastet.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht:
Wer ist schuld?
Sondern:
Was hat gefehlt?
Zeit, um innezuhalten.
Räume, um Unsicherheit zu benennen.
Erlaubnis, Nicht-Wissen auszusprechen.
Erfahrung, die gehört wird.
Und Maß, dort, wo Optimierung blind wird.
Wo diese Elemente fehlen,
werden Fehler unvermeidlich.
Nicht als Ausnahme,
sondern als logische Folge
eines Systems,
das seine eigene Unvollständigkeit
nicht mehr aushält.
Resilienz entsteht nicht durch Kontrolle,
sondern durch die Fähigkeit,
mit dem Unvorhergesehenen umzugehen.
Gesellschaften, die Fehler nicht mehr zulassen,
verlieren diese Fähigkeit.
Was als Sicherheit gedacht ist,
wird zur Fragilität.
Gebäudetechnik, Altern und Fehler
Gebäudetechnik ist kein neutrales Zubehör.
Sie prägt Gebäude stärker,
als ihre Unsichtbarkeit vermuten lässt.
Gute Gebäudetechnik ordnet sich ein.
Sie folgt der Struktur des Bauwerks,
nicht umgekehrt.
Technik, die dauerhaft funktionieren soll,
muss verständlich bleiben.
Und sie muss Altern zulassen.
Altern bedeutet,
Teil von Zeit zu sein –
nicht ihr Gegner.
Fehlerkultur ist beim Bauen wesentlich.
Nicht als Methode,
sondern als Haltung.
Mich prägt ein Fehler bis heute.
Ich habe die Funktion einer Lüftungsanlage
nicht richtig erkannt.
Vielleicht, weil mir dieser Fehler gezeigt hat,
dass Technik nicht verstanden ist,
wenn sie funktioniert,
sondern wenn ihr Zusammenhang begriffen wird.
BIM kann Fehler sichtbar machen.
Aber es darf nicht dazu dienen,
die Angst vor ihnen zu beruhigen.
CO₂ und die Verwechslung der Maßstäbe
Der Planungsprozess selbst
verursacht CO₂.
Rechenleistung, Datenhaltung,
Modellpflege.
Dieser Anteil wird kaum bilanziert.
CO₂ wird zur moralischen Größe.
Dabei ist CO₂ Grundlage von Leben.
Was wirklich hilft,
ist Denken in Zeiträumen.
Dauer.
Und das Wiederherstellen von Kreisläufen.
Bauchronik – Erinnerung statt Illusion
Eine Bauchronik widerspricht
dem Anspruch totaler Kontrolle.
Sie macht sichtbar,
dass Bauen kein Produkt ist,
sondern ein Weg.
Schluss
Die Frage ist nicht,
ob wir besser oder schlechter bauen.
Die Frage ist,
ob wir aus Geschichte lernen.
Hochkulturen gehen nicht unter,
weil sie zu wenig wissen.
Sondern weil sie glauben,
alles im Griff zu haben.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe des Bauens nicht darin,
die Welt zu ordnen –
sondern ihr standzuhalten.
Hinweis: Dieser Text ist kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Er ist eine Einladung zum Nachdenken – über Technik, Gebäude und Maß.José Carlos Vicente Plaza
Cavicon GmbH